Andacht

 

Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

An - gedacht

Alle sind willkommen
"Wie war denn die Feier?“, wurde meine Großmutter gefragt. „Dat Neidigen hät feilt“, antwortete sie auf platt. „Neidigen“ bedeutet in Ostwestfalen, dass man als guter Gastgeber seinen Gästen immer wieder etwas anbietet. Dabei spielt es absolut keine Rolle, ob der Gast signalisiert: Danke, ich habe eigentlich genug und bin satt. Zu einer ostwestfälischen Feier gehört – jedenfalls für meine Großmutter – „dat Neidigen“. Genötigt werden, sich richtig satt zu essen, ist ein Kennzeichnen der Gastfreundschaft.
Auch Jesus erzählt eine Geschichte, in der die Gäste genötigt werden zu kommen. Im Gleichnis vom großen Abendmahl (Lukas 14, 16-24) heißt es:  „Jesus aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu. Und sandte seinen Knecht aus [...], zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist alles bereit! [...] Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; Ich bitte dich, entschuldige mich. Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; Ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen.
Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: Gehe aus schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; Es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf dass mein Haus voll werde. Ich sage euch aber, dass der Männer keiner, die Geladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.“
Das Gleichnis vom großen Abendmahl handelt von einer Feier. Jesus erzählt sie am Sabbat als Gast eines Pharisäers. Im Gleichnis spielt Gott die Rolle des Gastgebers. Doch die vorbereitete Feier droht zu platzen. Die Gäste sagen alle ab. Die Entschuldigungen sind fadenscheinig. Keiner sagt offen: „Ich habe keine Lust“. Den Gästen ist das Geschäftliche und Private wichtiger als das Miteinander.

Die Absagen der Gäste liegen im Trend und würden in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, denn der persönliche Vorteil und Besitztümer stehen auch heute noch hoch im Kurs - sind wichtiger als Geschenke, die das Leben bereit hält. Der Theologe Gerd Theißen schreibt: „Eine Gesellschaft, die individuelle, selbst erworbene, und selbst verursachte Freude für den höchsten Wert hält, wird blind für gemeinsame und geschenkte Freude. Die größte Freude, die Menschen verbinden kann, ist die Freude in Gott. Sie wird grundsätzlich nur geschenkt. Sie wird grundsätzlich nur mit anderen geteilt“.
Jeder gewinnt durch diese Freude. Auch in unserer Gemeinde kann man das erfahren. Was beispielsweise ehrenamtliche Helfer beim jährlichen Gemeindefest oder anderen Veranstaltungen leisten, finde ich großartig. Sie ermöglichen gemeinsame Freude und Erlebnisse, die die Gemeinschaft stärken. Die Eingeladenen im biblischen Text verstehen nichts von gemeinsamer Freude und sagen eigennützig ab. Der Gastgeber ist wütend, überlegt sich aber eine Alternative. Seine Einladung gilt jetzt neuen Gästen - die anderen haben ihre Chance verspielt. Gottes Gastfreundschaft kennt Grenzen: Jetzt sind die Wohlhabenden und Reichen nicht mehr eingeladen.
Im Ruhrgebiet lassen sich immer wieder Beispiele finden, dass Menschen nicht genug zum Leben haben. Hier leben über 15 Prozent der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze: Ein Spitzenwert in NRW. Besonders Kinder trifft Armut hart. Sie haben meist schlechtere Chancen und erfahren keine ausreichende Förderung. Der Zugang zum Gymnasium oder Studium bleibt ihnen oft verwehrt, weil ihre Eltern sie finanziell nicht unterstützen können.
Jesus ist beim Thema Armut parteiisch. Jedenfalls verstehe ich so die Geschichte vom großen Abendmahl.
Das Reich Gottes steht den Armen offen. „Kommt, denn ist alles bereit“. Das ist ein Signal, das auch unsere Gemeinde senden kann. Alle sollen kommen und sind willkommen. Kleine und Große, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde. Die Einladung zur Feier wirft weitere Fragen auf: Wie wird Gottes Gastfreundschaft für Menschen, die arm sind, in unser Gemeinde erfahrbar? Wie kann sich die evangelische Kirche für Chancengleichheit stark machen? Wie können wir gemeinsame Freude ermöglichen? Unsere Gemeindehäuser werden sich füllen, wenn wir mit Ideen und Tatkraft Antworten auf diese Fragen suchen. Den Platz in unseren Häusern haben wir. Als der Gastgeber merkt, dass noch Raum im Haus ist, sagt er seinem Knecht: „Geh auf die Landstraßen vor der Stadt und nötige sie zu kommen, damit mein Haus voll wird.“ Im Gleichnis vom großen Abendmahl fehlt „dat Neidigen“ nicht. Meine Großmutter hätte sich bei diesem Gastgeber wohl gefühlt: „Dat Neidigen was chaut“.

 

       Pfr. Carsten Griese

(Andacht von Sommer 2017)

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Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee


An - gedacht
Sind sie auch so vergesslich? Nein, ich meine nicht das man voller Verzweiflung sich in Erinnerung zu rufen versucht, wo man denn nun den
Schlüssel hingelegt hat, den man nun schon seit Minuten sucht. Und auch nicht das peinliche Gefühl, wenn einem zwei Tage zu spät einfällt, dass die gute Freundin doch Geburtstag hatte. Und schon gar nicht meine ich die Vergesslichkeit als Krankheit, Alzheimer, die für Betroffene und Angehörige oftmals ein schweres Schicksal bedeutet. Ich meine unsere Vergesslichkeit bezüglich all der Dinge im Leben, die uns geschenkt werden. Von Gott und anderen Menschen. Daran erinnern wir uns erst wieder, wenn wir sie nicht mehr haben. Bis dahin haken wir es unter Selbstverständlichkeiten ab, so als könnte es gar nicht anders sein. Noch einigermaßen bewusst ist uns das bei unserer Gesundheit. Erst wenn die Beeinträchtigungen immer mehr werden oder uns eine schwere Krankheit getroffen hat, fällt es uns wieder ein, was für einen Wert Gesundheit für uns hat. Vorher war es halt selbstverständlich, dass wir alles konnten. Auch bei vielen anderen wichtigen Dingen in unserem Leben erkennen wir den Wert erst, wenn wir das was uns wichtig ist verloren haben. Das Gefühl für Heimat spüren wir dann besonders stark, wenn wir sie verloren haben, uns nicht mehr wirklich zuhause fühlen können. Viele Menschen, die nach dem Krieg ihre Heimat verlassen und sich woanders ein neues Leben aufbauen mussten, können sich noch lebhaft an dieses schmerzliche Gefühl erinnern. Und einige lässt es ihr ganzes Leben lang nicht mehr los. Auf jeden Fall dauert es meist eine ganze Zeit bis man sich wieder "zuhause" fühlt. Auch in der jüngsten deutschen Geschichte haben Menschen, die auf der Suche nach Freiheit und besserem Leben den Weg vom Osten Deutschlands in den Westen gesucht haben, erfahren müssen, dass der Preis dafür der Verlust von Heimat war. Nicht jeder empfindet das in gleicher Intensität, aber spurlos geht dies an keinem vorbei. Besonders "gut" aber sind wir darin zu vergessen, was uns Gutes von Anderen getan wurde. Wenn uns übel mitgespielt wurde vergessen wir das so leicht nicht, dann haben wir ein Gedächtnis wie ein Elefant. Wir sind verletzt, vergeben und vergessen fällt uns oft so unsagbar schwer. Aber wenn uns Gutes widerfährt, nehmen wir das als Selbstverständlichkeit wahr und hin. Wenn uns Andere eine Last abnehmen können wir uns schon kurze Zeit danach gar nicht mehr daran erinnern wie es vorher war. Die jetzige angenehme Situation empfinden wir als selbstverständlich. Wir kommen gar nicht auf die Idee, Danke zu sagen oder gar Dankbarkeit bewusst zu empfinden. Wir nehmen uns wie selbstverständlich das Recht zur Kritik heraus - "das muss der doch abkönnen". Aber das Recht des Anderen auf Dankbarkeit, auf Wertschätzung, vergessen wir häufig. Vielleicht kommt uns noch ein automatisiertes Danke über die Lippen (wir haben das ja so gelernt, wir sind ja höflich), aber das Gefühl für wirklich empfundene Dankbarkeit haben wir schon längst verloren. Und wir zahlen dafür einen hohen Preis. Menschen, die stets erfahren, dass sie zwar kritisiert aber nicht wertgeschätzt werden, praktizieren das
Gleiche in ihrer Umgebung. Sie haben es halt so gelernt! Dabei bleibt aber nicht Geringeres als die Menschlichkeit auf der Strecke!
In unserer Gemeinde ist dies nicht viel anders! Gerade die Menschen, die sich mit viel Herzblut und Engagement für die Gemeinde einsetzen, sie am Leben erhalten und mit Leben füllen, erfahren häufig Kritik von anderen Gemeindegliedern. Die Kritik an sich ist nichts Schlimmes und häufig auch notwendig, aber es fehlt ihr die entscheidende Grundlage der Dankbarkeit und der Wertschätzung. Erst auf dieser Grundlage kann der Andere meine Kritik auch wirklich hören und verstehen. Auch das vergessen wir sehr häufig. So möchte ich mich abschließend herzlich bei all den lieben Menschen bedanken, die in welcher Funktion auch immer, als Mitarbeiter der Gemeinde die Gemeinde mit Leben füllen und auch mich in meiner Arbeit unterstützen. All das hat aber nur dann einen Wert wenn es nicht nur ein Wort, sondern ein wirklich empfundenes Gefühl ist wenn ich nun abschließend sage: DANKE!

Herzliche Grüße
Ihr Pfarrer Dirk Ochtrup

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Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

An - gedacht
Ostern feiern wir die Auferstehung Jesu Christi. Wir feiern, dass uns durch die Auferstehung Jesu Christi das ewige Leben geschenkt wurde. Ein wertvolles Geschenk! Aber ist uns das noch bewußt? Oder sind das Wertvolle an Ostern die Osterferien oder zumindestens ein paar zusätzliche freie Tage?
Dabei kann es doch gar keine größere Perspektive und Hoffnung geben, als das uns die Zusage, das Versprechen von Gott gegeben wird, dass es auch nach unserem Leben hier auf Erden weiter gehen wird. Als Christen sprechen wir sogar nicht nur von einer Hoffnung, sondern von einer Gewißheit. Auch wenn diese Gewißheit immer eine Sache des Glaubens bleibt, des Vertrauens auf das Versprechen Gottes, so erhält unser Leben dadurch doch eine ganz andere Perspektive.
Aber Auferstehung als Eröffnung neuen Lebens sollte man nicht nur auf die Zeit nach unserem Dasein hier auf Erden verstehen. Oder anders – mit den Worten des Liedermachers Wolf Biermann – ausgedrückt: es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Das was hier so banal, so selbstverständlich klingt, ist aber in Wirklichkeit gar nicht so selbstverständlich. Wenn wir unter Leben mehr als nur bloßes Existieren verstehen, sondern ein erfülltes und lebenswertes Leben meinen und die Eröffnung neuen Lebens als Eröffnung neuer Möglichkeiten und neuer Anfänge verstehen, dann wird klar, dass dies vielen Menschen verwehrt ist.
An welchen Punkten brauchen wir neues Leben, neue Anfänge, neue Hoffnung, neue Perspektiven? Jeder und Jede von uns wird darauf seine ganz persönliche Antwort haben. Ostern ist ein guter Zeitpunkt darüber wieder nachzudenken. Wo können wir anderen Menschen dabei helfen, zu einem neuen Leben zu gelangen? Was bedeutet neues Leben für uns als Gemeinde?
Die Wirklichkeit sieht eher ernüchternd aus. Wir verwehren Menschen eher ein neues Leben, als es ihnen zu ermöglichen oder ihnen dabei zu helfen. Das Verhalten von uns Europäern gegenüber den Flüchtlingen aus Afrika oder aus Syrien oder aus den vielen anderen Gebieten in der Welt, in denen Armut und Gewalt herrschen zeigt unsere Einstellung zu einem anderen, neuen Leben für den Anderen nur zu deutlich. 
Es geht hier nicht um herablassende Barmherzigkeit, um eine Spende für Brot für die Welt zu Weihnachten oder die Bethelsammlung, sondern es geht um einen geschwisterlichen Umgang auf Augenhöhe. Das müssen auch wir als Christen wohl erst wieder lernen. Aber wir haben ja mit Jesus Christus auch da  ein gutes Vorbild.

 In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfülltes und gesegnetes Osterfest
          
                                              Ihr Pfarrer Dirk Ochtrup

 

 

 

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